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BRIEF VON EINEM AUS DEM DORF

 

Frisch durchgespült bin ich und so kühl, dass sich kleine Kondenztropfen auf meiner glänzenden Haut bilden. Wenn das Licht angeht, kommt mein Einsatz. Ich  muss nicht lange warten. Durch mich hindurch fließt nämlich der Saft, den eine ganze Region beflügelt, zu neuen und großartigen Ideen inspiriert, Menschen verbindet, Freundschaften stärkt, Trübsinn heilt, manchmal auch vergessen lässt und das Leben ein gutes Stück lebenswerter macht.

 

Wer mich nicht kennt und deshalb nicht zu loben vermag, was durch meine Adern fließt, der versäumt ein Weltwunder, das älter ist als die Pyramiden von Gizeh, lebendiger als das Grab des Mausolos, strahlender als der Leuchtturm auf Pharos und, ach was, Vergleiche sind mir im Grunde schnuppe.

 

In jedem kleinen Dorf findest du mich. Ich bin Inventar und Werkzeug. Nur ich verleihe dem Blut meiner Adern die Vollendung in Aussehen, Geschmack und Kühle.

Der, der sich meiner bedient, nennt sich Wirt. Das Blut meiner Adern, das ist das Kölsch, jener einzigartige, unverwechselbare Saft. Und das Gefäß, in das ich mich ergieße, ist die Kölschstange. Sie ist schlank, mit festem Stand und schnörkellos, ein kölsches Understatement geselliger Lebensart. Sie ist klein bemessen und das mit kluger Absicht. So bleibt mein Lebenssaft nicht lange stehen und ist immer frisch. Er dümpelt nicht lange herum wie das Bier in einer Mass. Dort wird er schal, warm und unansehnlich. Für  mich wäre das ein langweiliges Geschäft.

 

Der Kölschwirt ist deshalb kein träger Lump, der zuschaut, wie sich der Gast vom Schemel säuft. Er ist immer in Bewegung, hat seine Augen überall, ist außerdem ein Kumpel, weiß tausend und einen Witz, kennt jeden und nennt jeden beim Vornamen. Er hört die neusten Geschichten, die das Dorf bewegt. Von ihm erfährt man sie. Er ist geduldig, hat ein offenes Ohr für jeden, ist aber auch konsequent, wenn mal jemand über die Stränge schlägt. So hält er nicht nur mich sauber, sondern den ganzen Laden vom Keller bis zum Dach.

Darum: Wo ich bin, wird kölsche Lebensart nicht buchstabiert und nicht studiert, sondern gelebt. Deshalb fühle ich mich wohl in meiner Haut, hier, in unserem schönen Dorf. Gleich um die Ecke - ist gar nicht weit. Ich freu mich auf dich.

 

Dein Zapfhahn vom Alt Fliesteden